Maria Beer Platz Gestaltung

Fragenkatalogentwurf als Pdf: https://ribisl.org/wp-content/uploads/2020/07/Fragenkatalog_Maria_Beer_Platz_16_07_2020.pdf

Videos: 08.07.2020:

“Das längste Grabmal Regensburgs.”

Maria-Beer-Platz Teil1/2 from Jakob Friedl on Vimeo.

“Bundeswehrstiefelwaschanlage – kein Trinkwasser”

Maria-Beer-Platz 2/2: Kneipen durch die Stiefelwaschanlage from Jakob Friedl on Vimeo.

Ort:

: https://www.google.com/maps/search/maria+beer+platz+regensburg/@49.0248043,12.1077119,126m/data=!3m1!1e3

Beschreibung auf der städtischen Homepage:

https://www.regensburg.de/rathaus/aemteruebersicht/planungs-u-baureferat/tiefbauamt/abgeschlossene-massnahmen/2013-bau-des-maria-beer-platzes-in-der-paarstrasse

Antworten für MZ-Interview 12.07.2020:

1. Wie bist du auf die Idee gekommen, nackt in diesem Brunnen zu schwimmen?

Ich wollte meiner Freundin den grandios misslungenen Maria-Beer-Platz zeigen, an dem seit langem das einzige Ladengeschäft im Holzgartenviertel ungenutzt leersteht. Dabei habe ich zum ersten Mal bewusst den 15m breiten Brunnen wahrgenommen und war fassungslos, wie so etwas Hässliches, Scharfkantiges und Kinderfeindliches als geeignete Kunst für einen Quartiersplatz ausgesucht werden konnte. Der triste Betonbrunnen mit tropfenden Edelstahlrohren erinnert eher an eine Stiefelwaschanlage bei der Bundeswehr oder eine industrielle Viehtränke. Die Radiverkäuferin Maria Beer würde sich wohl im Grabe umdrehen. Da es kein Trinkwasser gibt und sich der Brunnen auch nicht zum Plantschen eignet, wollte ich erproben, ob es wenigstens möglich ist ein Bahn zu schwimmen.


2. Was willst du mit dieser Aktion erreichen?

Ich will viele Themen ansprechen, die mit der Planung, der Gestaltung, den Besitzverhältnissen und den Nutzungsmöglichkeiten des Stadtraums zu tun haben. Ich will Menschen dafür sensibilisieren sich mit ihrer Umgebung aktiv auseinanderzusetzen, sie zu hinterfragen, Misstände anzusprechen und dabei konstruktive Strategien zu entwickeln um nicht zu resignieren – oder im besten Fall etwas zu verändern. Kunst im öffentlichen Raum wird in unser Stadt leider selten partizipativ, prozessorientiert und experimentell angegangen. Bürgerbeteiligung fehlt hier offenbar genauso wie tatsächliche Expertise. Kunstwerke können nur so gut sein, wie es die Strukturen ermöglichen, in denen sie zustande kommen. Im Stadtbild Regensburgs finden sich einige Beispiele für die Oberflächlichkeit teurer und vermeintlich repräsentativer Stadtgestaltung. Der sogenannte Römerrastplatz am Ernst-Reuter-Platz: Ein zubetonierter Möglichkeitsraum mit starrer Kunst ohne besonderen Informationsgehalt. Der Brunnen am Dachauplatz: Ein zuverlässig defektes Weltkulturerbewerbeschild in versifftem Wasser. Dabei  war die wichtigste Vorgabe für den Neubau des Brunnens eine mögliche Bespielbarkeit durch Kinder. Erinnerungskultur wurde hier dreist limitiert und auf einen Quadratmeter reduziert. Und das sind noch lange nicht alle… Das heißt für mich: Weitere Videos werden folgen.


3. Macht es dir nichts aus, dass du im Internet splitterfasernackt zu sehen bist?

Besondere Umstände erfordern besondere Mittel. Als Künstler setze ich alle Medien ein – auch meinen Körper, der hier vor einer Betonkulisse besonders gut zur Geltung kommt.


4. Wenn es blöd läuft, könnte man dir eine Ordnungswidrigkeit aufbrummen.

Beim Dreh waren keine fremden Leute zugegen. Ich habe nichts beschädigt, keinen Müll hinterlassen und keinen Lärm verursacht.

Gemüse Ladengeschäft am Maria Beer Platz? Zeitarbeitsfirma, Leerstand, IT… nichts, was das Quartier belebt.

Maria Beer Gedächtnisplatz mit leer stehendem Ladengeschäft. Baumquadrate, Quadratwürfel und Gußbetonmauer mit Brunnengrab.

Interviewantworten für die Mittelbayerische Zeitung am 28.07.2020:

Die Stadt prüft derzeit, ob Ihre Nacktschwimm-Aktion am Maria-Beer-Platz eine Ordnungswidrigkeit gemäß §118 OWiG (Belästigung der Allgemeinheit) darstellt. Wissen Sie von dieser Prüfung? Und was halten Sie davon?

Anscheinend hat mich jemand angezeigt, die Stadt muss dem nun nachgehen. Ich halte das für Zeitverschwendung, denn laut Gesetz handelt ordnungswidrig, “wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen” (§ 118 OwiG). Nichts davon trifft hier zu; denn ich habe nichts beschädigt, keinen Lärm verursacht, keinen Müll hinterlassen und niemanden belästigt. Meine Nacktheit ist völlig harmlos. Wer sich die Videos anschaut, tut das aus freien Stücken. Ich rechne nicht mit Nachahmern.

Die Gestaltung des Maria-Beer-Platzes mit zugehörigem leerstehenden Ladengeschäft, Baumquadraten, rauen Sitzwürfeln und Gussbetonmauer mit Brunnengrab, dem dazugehörigen Quartier an der Paarstraße und viele weitere Ort in dieser Stadt belästigen nicht nur mein persönliches Empfinden für Ästhetik und Gerechtigkeit. Flächendeckend wurde Bauland verschachert, dreistem Profitstreben untergeordnet, ganze Stadtteile wurden damit städtebaulich für immer verschandelt. Die Bauträger und die Eigentümergesellschaften kassieren die steigenden Mieten, aber die Bewohner können den belanglosen Stadtraum vor ihren eigenen Haustüren nicht gestalten. Diese „Normalität“ verursacht auf vielen Ebenen einen sehr großen Schaden am Gemeinwohl unserer Gesellschaft.

Was wollten Sie mit Ihrer Aktion erreichen?

Die positiven Rückmeldungen in persönlichen Begegnungen zeigen mir, dass viele Leute den Hintergrund meiner Aktion sehr gut verstehen und weiter denken. In meiner Performance setze ich mich mit der Situation am Maria-Beer-Platz auseinander. Die bewegte Gestalt macht nicht nur das Ausmaß dieser banalen Vorrichtung deutlich, sondern sie markiert auch den fundamentalen Gegensatz zwischen dem Menschlichen, Menschengemäßen und der kantigharten Rechtwinkligkeit dieser Betonanlage, die sich überdies über jedes Maß in die Länge zieht – nicht nur abstoßend in ihrer Erscheinung, sondern auch unhistorisch, denn so sahen die Schwengelpumpen der Weichser Radifrauen ganz gewiss nicht aus.

Mit dem umfassenden Fragenkatalog, den ich an die Stadtverwaltung gerichtet habe, möchte ich mehr zu dem Ort und den Umständen seiner Entstehung in Erfahrung bringen und diese Erkenntnisse der Allgemeinheit zugänglich machen. Das entspricht meinem allgemeinen Anliegen, das Interesse der Regensburger*innen an der neueren Geschichte Regensburgs und an der Mitgestaltung der Stadtentwicklung anzuregen und zu fördern.

Planen Sie weitere Aktionen dieser Art?

Ich mache seit 20 Jahren mit unterschiedlichsten Mitteln Kunstaktionen an selbstgewählten Orten in Regensburg und habe mich dabei selten wiederholt. Berechenbare Kontinuität strebe ich an, wenn es in Projekten darum geht, offene Kulturorte für Nachbarn und Stadtteilbewohner zu etablieren. Wiederkehrende Rituale haben auch ihren Sinn, z.B. beim Freibaum Aufstellen.